Gründung des „Vereins zur Erhaltung des Europäischen Nerzes – EuroNerz“

Gründung eines “Vereins zur Erhaltung des Europäischen Nerzes – EuroNerz”

Konzept und Ziele

von Wolfgang Festl

AG Ethologie, FB Biologie/Chemie, Universität Osnabrück, Barbarastr. 11, D-49069 Osnabrück

1. Einleitung

Der Europäische Nerz Mustela lutreola zählt zur Familie der Marderartigen (Mustelidae). Er ähnelt in Körperbau und Fellfärbung nahezu vollständig dem Amerikanischen Nerz oder Mink M. vison. Mit Kopf-Rumpf-Längen zwischen 32 bis 37 cm und einem durchschnittlichen Gewicht von ca. 550 bis 850 g (Fähen/Rüden) ist der Europäische Nerz jedoch deutlich kleiner als sein amerikanischer Namensvetter. Die Weibchen des Minks wiegen etwa 800g, die Männchen 1500g. Abgesehen von der Größendifferenz sind Nerz und Mink äußerlich nur anhand der Verteilung weißer Markierungen im ansonsten einheitlich schwarzbraunen Fell zu unterscheiden. Für M. lutreola ist die weiß gefärbte Oberlippe charakteristisch. Unterlippe und Kinn sind dagegen bei beiden Arten weiß. Systematisch scheint der Nerz dem Waldiltis M. putorius und dem Sibirischen Feuerwiesel M. sibirica dennoch näher zu stehen als dem Mink.

Der Europäische Nerz besiedelt in freier Wildbahn in erster Linie bewaldete oder schilfbewachsene Ufersäume von Fließgewässern und Seen, von denen er sich kaum weiter entfernt. Den wenigen bislang vorhandenen Untersuchungen zufolge scheint er solitär in festen Revieren zu leben und sich sehr ortstreu zu verhalten. Die Angaben über die Länge seiner Territorien schwanken zwischen 0,5 und 8 km. Der Nerz ernährt sich rein karnivor von Kleinsäugetieren, Fischen, Amphibien, Vögeln und Wirbellosen wie Insekten und Krebsen. Die Nahrungszusammensetzung ist ebenso wie die Anteile der einzelnen Beutetiergruppen starken regionalen und saisonalen Schwankungen unterworfen.

Das ursprüngliche Areal des Nerzes reichte von Nordspanien bis zum Ural und von Zentralfinnland bis an das Schwarze Meer. Heute existiert neben kleinen Restpopulationen in Spanien, Frankreich, Estland, Weißrussland und im Donaudelta nur noch ein größerer Verbreitungsschwerpunkt in Zentralrussland. Nach neuesten Erkenntnissen ist jedoch auch diese Population in ihrem Bestand stark gefährdet. In der Bundesrepublik fehlt die Art etwa seit Beginn dieses Jahrhunderts.

2. Zucht

Im Februar 1997 erhielt die AG Ethologie der Universität Osnabrück (Professor Dr. R. Schröpfer) 2,4 Europäische Nerze aus der Zucht des Zoos Novosibirsk (Russland). Nach einer Eingewöhnungsphase wurden die Tiere einzeln in speziellen Gehegen untergebracht, die insbesondere der Beobachtung des Fortpflanzungszustandes, später auch der Verpaarung dienten. Darüber hinaus wurde jedem Nerz eine Schlafbox zur Verfügung gestellt, die als störungsfreie Rückzugsmöglichkeit sofort akzeptiert wurde. Das Einschlupfloch konnte mit einem Schieber verschlossen werden. Dadurch bestand die Möglichkeit, die Tiere in andere Gehege zu transportieren, ohne sie durch Einfangen und “handling” zu beunruhigen.

Anfang März konnte bei den Rüden eine deutliche Größenzunahme der Hoden sowie verstärkte Aggressivität festgestellt werden. Die fleischfarbe Vulva der Fähen war etwa ab Mitte März sichtbar und schwoll innerhalb einer Woche auf Erbsengröße an. Verpaarungsversuche zu dieser Zeit brachten jedoch noch keinen Erfolg. Der Rüde I zeigte zwar Interesse, die Fähen wehrten ihn jedoch heftig ab. Der Rüde II verhielt sich dagegen äußerst aggressiv. Wie sich später herausstellte, blieb dieses Verhalten bestehen, so daß er nicht zur Zucht verwendet werden konnte. Ende März wurde bei einer Fähe eine Umfärbung der Vulva zu aschgrau beobachtet. Das Tier wurde sofort zum Rüden I gebracht. Diesmal kam es zu keinerlei Aggressionen und der Deckakt wurde erfolgreich vollzogen, ebenso wie ein weiterer am Folgetag. Mit zwei anderen Fähen wurde ebenso verfahren. Dabei waren Paarungen innerhalb eines Zeitraumes von 2 bis 3 Tagen nach Umfärben der Vulva möglich. Ein Nachdecken nach 7 bzw. 14 Tagen wurde dagegen nicht mehr geduldet. Die 4. Fähe zeigte sich sehr verängstigt und schien nicht zur Zucht geeignet.

Im Anschluß an die Nachdeckversuche wurden die Fähen in Aufzuchtgehegen mit einer Grundfläche von ca. 16 qm untergebracht. Etwa ein Drittel dieser Fläche wurde von einem Wasserbecken eingenommen. Die Einrichtung war naturnah mit Grünpflanzen. Baumstämmen, einem Sumpfbereich sowie Sand- und Rindenmulchbelag. Nach 42tägiger Tragzeit wurden insgesamt 11 Jungtiere geboren. In jedem Gehege standen 2 bis 3 Schlafboxen zur Verfügung, die abwechselnd genutzt wurden. Die Jungnerze verließen im Alter von ca. 6 Wochen erstmalig selbständig die Höhle. Im September begannen die Fähen damit, die Jungtiere abzubeißen. Gleichzeitig stieg auch die Aggressivität der Jungen untereinander, so daß die Tiere vereinzelt werden mußten.

3. Zur Vereinsgründung

Unsere Erfahrungen zeigten, daß die Nachzucht Europäischer Nerze mit einem hohen Zeitaufwand verbunden ist. Vor und während der Ranz war eine dauerhafte Beobachtung der Tiere notwendig, um den Fortpflanzungszustand der Tiere und damit den korrekten Zeitpunkt für eine Verpaarung zu bestimmen. Auf diese Weise ließ sich der Steß, dem die Tiere ausgesetzt wurden, minimieren. Zoos, Wildparks und Wildgehegen ist es aufgrund ihres oft beengten ökonomischen Spielraumes wohl jedoch nur in Ausnahmefällen möglich, eine so zeitintensive Betreuung durchzuführen. Darüber hinaus läßt auch die Situation in Westeuropa darauf schließen, daß auf einer Basis von 1 bis 2 Nerzpaaren – dem für Haltungen üblichen Rahmen – keine auf Dauer erfolgreiche Zucht begründet werden kann.

Verbunden mit dieser Problematik ist die Tatsache, daß der Nerz als ein nachaktiver Einzelgänger und damit allgemein nicht als ein attraktives Zootier angesehen wird. Aufgrunddessen und angesichts der Schwierigkeiten bei der Beschaffung findet diese Art bei der Besetzung von Schaugehegen kaum Berücksichtigung. Unter anderem darauf ist es zurückzuführen, daß der überwiegende Teil der Bevölkerung weder über die Existenz des Europäischen Nerzes noch über seine akute Gefährdung informiert ist und sein Aussterben nahezu unbemerkt vonstatten geht. Diese Überlegungen führten uns – einige Mitarbeiter der AG Ethologie der Universität Osnabrück – zu dem Entschluß, einen Verein zur Erhaltung des Europäischen Nerzes zu gründen. Mit ihm möchten wir versuchen, die anscheinend nach Art eines “Teufelskreises” wirkende Problematik zu durchbrechen.

Der Verein soll in Anlehnung an die vom Zuchtbuchführer des EEP für den Europäischen Nerz (Dr. T. Maran, Zoo Tallinn, Estland) formulierten Zielvorgaben kurzfristig zu einer Erhaltung des Nerzes in Menschenhand beitragen, langfristig auch zu seiner Erhaltung in Freiheit mit Hilfe von Wiederansiedlungen im mitteleuropäischen Raum. Alle Aktionen sollen in Abstimmung mit Herrn Dr. Maran erfolgen. Wir möchten durch eine enge Kooperation mit Zoos, Wildparks, Wildgehegen und ähnlichen Einrichtungen nicht nur eine Arterhaltungszucht aufbauen sondern, gleichzeitig über eine Präsentation das Wissen um seine Gefährdung fördern. Weiterhin soll in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen eine Grundlage für seine Wiederansiedlung geschaffen werden. Dazu zählt die Erforschung seiner Biologie und der Faktoren, die das Überleben dieser Art beeinträchtigen, sowie die Suche nach geeigneten Ansiedlungsgebieten.

Das Kurzzeitziel soll durch den Aufbau von Zuchtgruppen realisiert werden. Wir möchten dazu Wildtierhaltungen aller Art für eine Zusammenarbeit gewinnen. Grundvoraussetzung ist eine individuelle Markierung aller Nerze mit Hilfe von “microchips” (sogenannten Transpondern), um eine zuverlässige und leichte Indentifizierung zu gewährleisten. Unser Konzept sieht die Einrichtung von 5 bis 6 Zentren vor, in denen die Verpaarung der Nerze koordiniert und durchgeführt werden soll. Den interessierten Wildtierhaltern werden dann tragende Fähen zur Verfügung gestellt, die in artgerecht und naturnah gestalteten Gehegen ihre Jungen werfen und aufziehen sollen. Die Zuchtrüden und einige Fähen sollen in den Verpaarungszentren oder anderen Einrichtungen verbleiben. Etwa ab September werden die Jungtiere von der Mutter getrennt und in die Stationen verbracht. Die Fähen bleiben bis zur nächsten Ranzzeit in ihren Gehegen.

Bei diesem Vorgehen werden die Halter von der zeit- und geldaufwendigen Verpaarung entlastet. Darüber hinaus können dem Publikum attraktive Mutter-Kind-Familien präsentiert werden, deren Aktivität bei entsprechender Gehegeeinrichtung und Fütterung zum großen Teil in die Tagenstunden fällt. Weitere Vorteile für die Halter liegen in einer Beteiligung am EEP und in der Bereitstellung von “knowhow” hinsichtlich Zucht, Biologie und Information der Öffentlichkeit durch den Verein. Dadurch und mittels weiterer Informationsmaßnahmen kann die Öffentlichkeit mit der Nerz-Problematik bekanntgemacht werden. Gleichzeitig ist auf die Bildung einer Akzeptanz in der Bevölkerung zu hoffen, die für zukünftige Wiederansiedlungsvorhaben unerläßlich ist.

Von besonderer Bedeutung für dieses Projekt wird sein, daß in den Verpaarungszentren und den angeschlossenen Mitgliedsgehegen eine geordnete Altersstruktur der Zuchttiere aufgebaut und aufrechterhalten wird. Nach unserer Auffassung könnten pro Station und Jahrgang etwa 6 Fähen und 3 bis 4 Rüden gehalten werden. Ausgehend von einer mittleren Reproduktionszeit adulter Nerze von 3 bis 4 Jahren würden in einer Station 18 bis 24 Fähen und maximal 16 Rüden jährlich zur Verpaarung gebracht.

In der Aufbauphase würden die Jungtiere eines jeden Jahrganges an weitere Wildtierhalter vermittelt. Ebenso würden altersbedingte und sonstige Verluste aus diesem Potential ausgeglichen werden. Zeitgleich sollten Möglichkeiten einer Wiederansiedlung abgeklärt werden, für die dann die Jungtiere der folgenden Jahrgänge eingesetzt werden könnten.

Alle diesem Projekt angeschlossenen Europäischen Nerze sollen dem EEP unterliegen und im Besitz des Vereins bleiben. Kommerzielle Interessen, etwa über den Verkauf von Tieren, werden nicht verfolgt. Die Finanzierung soll sich durch Spendengelder sowie die Beiträge der im Verein organisierten Einzelpersonen und Wildtierhaltungen ergeben. Es bleibt uns zu hoffen, mit unserem Konzept überzeugende Möglichkeiten vorgestellt zu haben, mit denen sich eine so akut vom Aussterben bedrohte Tierart wie der Europäische Nerz erhalten läßt.

Danksagung

Dieser Zuchterfolg wäre ohne die Unterstützung durch meine Tierpflegerkollegin Lorlis Dresing, die Mitarbeiter der AG Ethologie Dipl.-Biol. Christian Seebass und Kai-Helge Brandhorst sowie die Hinweise von Herrn Alfons Grosser (Melle) nicht zu realisieren gewesen. Ich bin ihnen allen daher zu großem Dank verpflichtet. In besonderer Weise möchte ich meinen Arbeitsgruppenleiter Herrn Professor Dr. R. Schröpfer hervorheben, der mir bezüglich aller Fragen der Nerzhaltung und -zucht freie Hand ließ und es mir dadurch ermöglichte, meine Erfahrungen mit den Tieren zu machen.

Literatur

Festl, W. (i. Druck): Erstmalige Nachzucht des Europäischen Nerzes Mustela lutreola in Westeuropa.- Geflügelbörse

Heptner, V.G. & N. P. Naumov (Hrsg.) (1974): Die Säugetiere der Sowjetunion, Bd. 2.- Jena: 701-720

Lodé, T. (1992): Typologie d´un milieu fréquenté par le Vison d´Europe Mustela lutreola L. 1761.- Bull. Soc. Sc. Nat. Ouest de la France, n. s., 14: 73-80

Maran , T. (1996): Erhaltung des Europäischen Nerzes.- Vortrag auf der Tagung “Zookunft” in Gelsenkirchen 1996

Maran, T. (1997): Schutz des Europäischen Nerzes (Mustela lutreola).- Mitteilungen der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e. V. 13: 7-9

Maran, T. & H. Henttonen (1995): Why is the European mink (Mustela lutreola) dissappearing? A review of the process and hypotheses.- Ann. Zool. Fenn. 32: 47-54

Palazón, S. & J. Ruiz-Olmo (1993): Preliminary data on the use of space and activity of the European mink (Mustela lutreola) as revealed by radio-tracking.- Small Carnivore Conservation 8: 6-8

Schröpfer, R. & E. Paliocha (1989): Zur historischen und rezenten Bestandsänderung der Nerze Mustela lutreola (L. 1761) und Mustela vison SCHREBER 1777 in Europa – eine Hypothesendiskussion.- Wiss. Beitr. Univ. Halle 1989/37 (P39): 303-319

Sidorovich, V. E. (1992): Comparative analysis of the diets of European mink (Mustela lutreola), American mink (M. vison), and Polecat (M. putorius) in Byelorussia.- Small Carnivore Conservation 6: 2-4

Stubbe, M. (1993): Mustela lutreola (Linné, 1761) – Europäischer Nerz.- In: Handbuch der Säugetiere Europas, Bd. 5/2, Hrsg. M. Stubbe & F. Krapp. Wiesbaden: 699-769

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