Interaktivitäten – Spielereien für den Naturschutz

Interaktivitäten – Spielereien für den Naturschutz

Seit 1.02.1998 heißt die Zooschule des Naturschutz-Tierparks Görlitz NaTIERkundehaus.

Wir haben den Namen geändert, weil wir der Meinung sind, daß der Name Zooschule keineswegs das trifft, was wir in unserer Einrichtung machen.

Dazu kommt, daß der Begriff “Schule” ein negatives Image hat, weil er mit “lernen müssen” verbunden wird.

Obwohl es die Zooschule in Görlitz schon seit 1974 gibt, werde ich heute noch manchmal gefragt, was die Tiere so bei uns lernen.

Kinder und Erwachsene erwarten ansonsten Biologieunterricht oder Vorträge im Tierpark und sind dann sehr verwundert, daß sie bei uns selbst auf die vielfältigste Art und Weise aktiv werden können.

Für uns stehen die Natur, die ökologischen Zusammenhänge und der Naturschutz im Vordergrund.

Unsere Tiere sind dabei der beste Ansatz für “naturschutzpädagogische” Arbeit. Das Interesse des Menschen an Tieren ist ungebrochen, das beweisen uns jährlich 100.000 Besucher. Diesen Besuchern kann eine zoologische Einrichtung mehr bieten, als nur das Anschauen der Tiere.

Unser didaktischer Ansatz liegt also in der “Tiererlebnispädagogik”.

Im Konzept des Naturschutz-Tierparks Görlitz finden sich konkrete Ansätze, wie die Bildungseinrichtung des Naturschutz-Tierparks Görlitz aussehen könnte.

Bei der Umsetzung dieser Ansätze haben sich letztlich folgende Ziele für uns dargestellt, die über die einer klassischen Zoopädagogik hinausgehen.

  1. Die Tiere sind Mittler für ihren Lebensraum, sie haben Stellvertreterfunktion. Über Tier- und Naturbeobachtungen, Tier- und Naturerfahrungen und Sinneswahrnehmungen wollen wir die Liebe zum Tier und seinem Lebensraum entwickeln.
  2. Wir wollen unseren Besuchern Handlungsmöglichkeiten für die Erhaltung der Natur eröffnen und sie zu Aktivitäten für den Schutz der Natur und Umwelt motivieren.

Diese Ziele haben uns letztlich zur Namensänderung veranlaßt.

Es bedarf einer längeren Zeit und einer abwechslungsreichen Methodik, um diese hochgesteckten Ziele zu erreichen.

Unsere “Spielereien” für den Naturschutz sind nur eine Möglichkeit, die Besucher anzusprechen.

Welche Erfahrungen wir mit unseren Natur-Schau-Spielen gemacht haben, welche Vor- und Nachteile sie haben, möchte ich Ihnen in meinem Vortrag erläutern.

1. Was lernen die Besucher mit Hilfe unserer Natur-Schau-Spiele?

Betrachtet man den Informationsgehalt der Spiele, kommt man zu folgendem Ergebnis:

Jedes der 19 bisher (seit 1994) erarbeiteten Spiele vermittelt nur ein bis sechs Informationen.

  • 8 Spiele
  • vermitteln biologische Fakten zu den verschiedenen Tieren.

      Beispiele:

      Wildbienenspiel

      Bei den Wildbienen gibt es Bauch- und Beinsammler..

      Þ 1 Information

      Barthaarspiel

      zum Fischotter

      Es vermittelt, was der Fischotter frißt, was er nicht frißt und wie der Fischotter auch im trüben Wasser zu seinem Futter kommt.

      Þ 3 Informationen

      Murmeltierspiel

      Wie bereiten sich Murmeltiere auf den sechsmonatigen Winterschlaf vor und welche physiologischen Anpassungen sind dafür notwendig?

      Þ 6 Informationen

      Mit Naturschutz haben diese Spiele nur indirekt etwas zu tun, ihr Wert ist aber dennoch nicht zu unterschätzen. Das Wissen über die Tiere bildet die Grundlage für das Naturverständnis und spielt deshalb für das Verhältnis Mensch – Tier eine entscheidende Rolle.

      Nach unserer Erfahrung ist keineswegs das das beste Spiel, welches die meisten kognitiven Informationen vermittelt.

      7 Spiele

      vermitteln daneben auch ökologische Informationen. Hier werden Zusammenhänge dargestellt, die Schlußfolgerungen in Richtung Naturschutzermöglichen.

      Beispiele:

      Labyrinthtüren

      zum Thema Fischotter

      Mit Hilfe der Türen in einem Labyrinthsystem zum Durchkriechen für Kinder wird die Nahrungskette bis zum Fischotter verfolgt und dargestellt, daß der Fischotter an der Spitze der Nahrungspyramide mögliche Umweltgifte im Wasser in besonders hoher Konzentration aufnimmt.

      Höhlenspiel

      zum Buntspecht

      Beim Öffnen der Spechthöhle erwartet der Spieler den Buntspecht in der Höhle. Er findet aber die Gelbhalsmaus. Wenn sich nun der Spieler auf die Frage – Warum ist eine Gelbhalsmaus in der Spechthöhle?- einläßt, erkennt er, wie wichtig diese Höhlen für verschiedene Tiere des Waldes sind. Eine Schlußfolgerung wäre in diesem Zusammenhang, alte Hölzer im Wald stehenzulassen.

    • 6 Spiele
    • machen direktauf Probleme des Natur- und Umweltschutzes aufmerksam, erzeugen Betroffenheit oder provozieren “naturgerechtes” Verhalten.

      Beispiele:

      Tischlabyrinth

      Das Tischlabyrinth macht auf die Gefahren aufmerksam, denen ein Fischotter auf seinen Wanderungen von einem zerstörten Lebensraum zu neuen Gewässern ausgesetzt ist. Auf der Straße und in Reusen sterben jährlich die meisten. Diese Todesfallen für den Fischotter sind mit Hilfe von Löchern in der Tischplatte dargestellt. Schicken die Spieler den Fischotter, dargestellt in Form einer Kugel, einen gefährlichen Weg, dann fällt der Fischotter in ein solches Loch und ist damit tot.

      Seilspiel

      Das Seilspiel verdeutlicht die Gefährlichkeit der Überlandleitungen für Weißstörche, löst Betroffenheit aus und provoziert die Frage: Was kann man gegen diese Todesfalle tun. Antwort finden die Spieler in unserem Kinderheft zum Weißstorch, welches man an der Kasse und im NaTIERkundehaus käuflich erwerben kann.

      Moschusjagd

      Als Wettbewerbsspiel konzipiert, werden die Spieler mit der Tatsache konfrontiert, daß Moschustiere gejagt werden, um jährlich Moschus zu gewinnen. Ohrfasane werden ebenfalls gejagt. Die Wälder werden abgeholzt, weil die Menschen Holz als Bau- und Brennstoff benötigen. So wird der Lebensraum der Tiere vernichtet. Ein Spieler bedient nun die dargestellten Bedrohungsursachen, um die Tiere ausbeuten zu können, der andere die Schutzmöglichkeiten, um die Tiere vor ihren Feinden in ihren Lebensraum in Sicherheit bringen.

    Alle Beispiele verdeutlichen, daß Spiele kein umfassendes Informationsmedium sind. Sie vermitteln wenige Informationen und es ist keineswegs sicher, daß auch bei jedem Spieler der erdachte Effekt erreicht wird.

    Die Stärken von unseren Natur-Schau-Spielen liegen darin,

    • daß die Spiele die Aktivität unserer Besucher fördern, und
    • daß der Unterhaltungswert der Spiele natürlich größer als der eines Schildes oder einer Schautafel ist

    Die Art und Weise der Informationsweitergabe zu betrachten, ist also viel interessanter.

    2. Wie lernen nun die Besucher?

    Den Natur-Schau-Spielen liegen bestimmte Prinzipien zu Grunde, die die Art und Weise des Lernens bestimmen. Gelernt wird während des Spielvorganges.

  • Prinzip
  • Der Spieler versetzt sich in das Tier, fühlt wie das Tier.

    Dieses Prinzip spricht zuerst das Herz des Spielers an, löst Emotionen aus.

    Beispiele:

    Seilspiel

    Die Spieler sollen sich als Störche fühlen und die Seile, die an Strommasten befestigt sind, ohne Berührung und so schnell wie möglich überwinden. Als methodische Weiterführung kann man einigen Kindern auch die Augen verbinden und sie von anderen Kindern führen lassen. Damit macht man ihnen deutlich, daß die Störche die Stromleitungen nicht sehen können und sie damit völlig chancenlos sind.

    Reuse im Labyrinth

    Unsere Besucher, vor allem die Kinder, lieben das Labyrinth. Dort durchzugehen hat für sie etwas Abenteuerliches. Die meisten Kinder rennen da durch. Wenn sie dabei den Weg Richtung Fischottergehege einschlagen, werden sie von einem Netz plötzlich aufgehalten. Sie versuchen, nicht hängenzubleiben. An dieser Stelle können sie sich wie Fischotter fühlen, die in den Netzen der Fischer hängenbleiben.

    2. Prinzip

    Die Spiele sind so konzipiert, daß sie ein Spieler allein nicht bewältigt. Zum Spielen gehören mindestens 2 Spieler. Diese müssen miteinander reden, sich einigen, welche Rolle sie in dem Spiel einnehmen wollen. Die Spieler reden also über das Spiel, über die Regeln des Spieles und über den Inhalt.

    Beispiele:

    Das Tischlabyrinth ist so ein Spiel.

    Die Todesfallen für den Fischotter, die Löcher in der Tischplatte, sind für einen Spieler in Spielposition nicht alle zu sehen. Ein zweiter Spieler muß also mitteilen, in welche Richtung der Tisch bewegt werden muß, damit der Fischotter seine Wanderung überlebt.

    Bei der Moschusjagd müssen sich 2 oder mehr Spieler auf ihre Rollen einigen. Ein bis vier Spieler bedienen die Bedrohungsursachen für Moschustiere und Ohrfasane, der andere oder die anderen die Schutzmöglichkeiten.

    Diese Spiele leben vom Temperament der Spieler und entwickeln eine Eigendynamik. Sie ermöglichen freies Handeln und sind deshalb besonders beliebt. Allerdings nehmen nicht alle Spieler den fachlichen Hintergrund in vollem Umfang auf.

    3. Prinzip

    Das Spiel weckt die Entdeckerlust, die Neugier.

    Diesem Prinzip folgt zum Beispiel

    das Höhlenspiel

    Jeder Spieler möchte gern in die Höhle schauen und deshalb beschäftigt sich der Neugierige auch mit dem Rätsel. Für die Lösung des Rätsels wird er dann mit dem Blick in die Höhle belohnt.

    Beim Barthaarspiel

    drehen die Spieler eine Scheibe und verändern damit den Gewässerausschnitt, der dem Fischottergesicht gegenüberliegt. Befinden sich in dem gegenübergestellten Gewässerabschnitt Futtertiere, bewegen sich die Tasthaare des Fischotters. So kann der Spieler herausbekommen, was der Fischotter frißt.

    3. Welche Wirkung hinterlassen diese Spiele?

    Obwohl uns zu unseren Natur-Schau-Spielen noch eine aussagekräftige Evaluation fehlt, lassen sich durch häufige Beobachtungen verschiede Aussagen machen.

    Jedes Spiel wirkt auf seine eigene Art. Im Idealfall macht ein Spiel Spaß, weckt Neugier, beschäftigt den Spieler eine Zeit lang und vermittelt die Informationen so, daß sie der Spieler mit nach Hause nehmen kann.

    Die Aktivität der Besucher hängt zuerst davon ab, wie lange sich der Spieler mit dem Spiel beschäftigen muß, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Ist die Tätigkeitsphase des Spielers nur kurz, dann ist der Unterhaltungswert des Spieles gering. Das wiederum zieht nach sich, daß sich weniger Besucher längere Zeit mit dem Inhalt des Spieles befassen.

    Unser Murmeltierspiel ist so ein Beispiel. In Bruchteilen von Sekunden haben die Spieler am Seil gezogen und damit die Veränderung herbeigeführt. Danach nimmt der Spieler nicht mehr wahr, daß sich auch an der Temperaturskala etwas getan hat. Er liest auch keine noch so interessanten Aussagen auf dem Spiel. Der Inhalt wird nur den interessierten Besuchern vermittelt.

    Die Aktivität des Spielers ist das entscheidende Element der Spiele. Je mehr Reaktionen durch die Tätigkeiten des Spielers bei den Mitspielern ausgelöst werden, desto interessanter ist ein Spiel. Es provoziert weitere spielbezogene Tätigkeiten. Der Unterhaltungswert des Spieles steigt so und damit auch die Chance, daß sich die Spieler auf den Inhalt des Spieles einlassen. Diese Reaktionen sind beispielsweise beim Labyrinthtisch festzustellen.

    Jedes Spiel stellt für die Tierparkbesucher eine Abwechslung zum Beobachten der Tiere dar, erzeugt Aktivität, macht Spaß.

    Ihre größte Wirkung haben die Spiele allerdings, wenn man als Tierpark-Mitarbeiter die Besucher an die Spiele heranführt. Für jede Führung, jeden Unterricht stellt die Kombination Tier – Spiel – Mensch eine Bereicherung dar. Die Aufnahmefähigkeit der Besucher wird durch die Spiele immer wieder aufgebaut.

    Das Otterzentrum Hankensbüttel und der Nationalpark Bayrischer Wald, die ihren Besuchern ebenfalls Spiele anbieten, haben die Wirkung ihrer Spiele ausgewerten können. Ihre Ergebnisse bestätigen, daß der Einsatz solcher Spiele attraktiv und sinnvoll ist.

    Das Otterzentrum Hankensbüttel hat seine Ergebnisse in der Broschüre

    HABITAT, Arbeitsberichte der AKTION FISCOTTERSCHUTZ e.V. von 1993 zusammengefaßt:

    Folgende Aussagen ließen über die einzelnen Spiele ließen sich verallgemeinern.

    • Die Akzeptanz der Spiele ist generell gut.
    • Trotz technischer Probleme regen die Spiele zu motorischen Aktionen, gemeinschaftlichem Spiel und vertiefender Einsicht an.
    • Die Annahme der Spiele durch die Besucher ist auch

    vom Standort der Spiele

    von seiner Nähe zum Tier (auf welches im Spiel Bezug genommen wird) und

    vom Grundinteresse der Besucher ab.

    • Weiterhin regen die motorischen Impulse der Spiele die Kinder mehr an als die Erwachsenen.
    • Die Effektivität in Hinsicht der Informationsweitergabe ist von Spiel zu Spiel sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von der Art der Beschäftigung der Spieler ab.
    • Eine Auseinandersetzung mit den Informationen der Spiele ist für Kinder in Zusammenarbeit mit begleitenden Erwachsenen intensiver.

    Zusammenfassung:

    VORTEILE unserer Natur-Schau-Spiele:

  • Natur-Schau-Spiele stellen die direkte Beziehung Mensch – Tier her.
  • Die Spiele, ermöglichen vernetztes Denken, vermitteln Wissen und umweltgerechtes Verhalten und transportieren Normen und Werte.
  • Die Spiele sorgen für Abwechslung, Spaß, Aktivität und Kommunikation.
  • Die Spiele können sinnliche Naturerfahrungen, ästhetisches Naturerleben (Beispiel – Fühlkisten) ermöglichen.
  • Spiele sind Mittler, Werkzeug, Katalysator
  • Die Spiele wecken die Neugier, ermöglichen Kreativität und das Lernen über Erfahrungen.
    • Nachteile unserer Natur-Schau-Spiele:

    1. Spiele sind kein umfassendes Informationsmedium.
    2. Als Wettbewerbsspiele konzipiert, wird auf die Spielform mit “Siegern und Verlierern” zurückgegriffen. Die ökologische Problematik wird damit verfälscht. Natur-Schau-Spiele müßten grundsätzlich auf Kooperation und Solidarität im Interesse des Wohles der Natur und des Menschen setzen.
    3. Ein Spiel, vom Besucher ohne fachlichen Begleiter gespielt, hat nie die hundertprozentige Wirkung. Die Besucher spielen des Spielens wegen, nicht wegen der Inhalte.
    4. Ob ein Spiel die gewünschte Wirkung hat, hängt im besonderen Maße vom fachlichen Begleiter, aber auch vom Interesse der Spieler selbst ab.
    5. Eine Lernkontrolle ist schwierig. Den Informationsgehalt kann ma zwar abfragen, aber Erfahrungen bei der Kommunikation, Emotionen, Einsichten sind schwer erfaßbar / wertbar.

    Kommen wir zum Ausgangspunkt meines Vortrages zurück.

    Bei der Verwirklichung unserer Ziele im NaTIERkundehaus können die Natur-Schau-Spiele nur der Anfang oder ein Teil der Arbeit sein. Es bedarf einer Vielzahl von Methoden, um die Besucher zum Natur- und Umweltschutz zu bewegen.

    Am effektivsten ist in dieser Hinsicht der persönliche Kontakt der Besucher zu den Mitarbeitern des Naturschutz-Tierparks, die mit Überzeugung hinter dem Konzept des Naturschutz-Tierparks stehen und ihren Standpunkt mit Herz, Kopf und Hand vermitteln.

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